zur Erinnerung

Mauerfall 09.11.1989 - und was dann?

Rammstein-Keyboarder Flake: "Die Wiedervereinigung war eine Sauerei" Christian "Flake" Lorenz haut nicht nur als Keyboarder, sondern auch als Autor in die Tasten. Ein Gespräch über streitbare Ansichten zur DDR, Feuerwerk und Klimaschutz. Aus Sicht von Rammstein-Keyboarder Christian "Flake" Lorenz (53) ist nach der deutschen Wiedervereinigung viel schiefgegangen. "Wir wurden als unnützes Land angegliedert, ganze Biografien für wertlos erklärt, Firmen geschlossen, damit sich die Westfirmen breitmachen konnten", sagte er im Interview der österreichischen Tageszeitung "Der Standard". "Wir sind so sehr zurückgesetzt worden, dass sich ein Groll und eine Enttäuschung aufgebaut haben, die bis jetzt anhalten. Im Großen und Ganzen war die Wiedervereinigung in dieser Form eine Sauerei."

Interview: Stefan Weiss

26. Jänner 2020, 08:00

"Auf IM-Spitzel in den Bands bin ich nicht wütend. Die haben die Existenz der Bands erst ermöglicht", sagt Flake, hier in einem seiner vielen Bühnenkostüme.
Foto: APA/AFP

Bei Rammstein ist er der "Tastenficker" - DDR-Jargon für Keyboardspieler. Eigentlich heißt er Christian Lorenz, nennt sich aber seit Jugendtagen "Flake", deutsch ausgesprochen, versteht sich. Seit einem Vierteljahrhundert gibt der gebürtige Ostberliner in der Deutschrockband den Außerirdischen, den dünnen Freak unter den starken Muskelmännern. Mittlerweile haut Flake auch als Autor in die Tasten: In "An was ich mich so erinnern kann" (2015) schrieb er seine DDR-Erfahrungen auf, 2017 folgte mit "Heute hat die Welt Geburtstag" eine literarische Autobiografie über Rammstein. Am 26.03. kommt Flake für eine Lesung ins Wiener Globe-Theater.

STANDARD: Derzeit feiert man 30 Jahre Wende. Ihre Freude hält sich in Grenzen, wie man weiß. Wie nehmen Sie das Jubiläum wahr?

Flake: Wende und Wiedervereinigung muss man trennen. Die Wende habe ich als damaliger Punk miterlebt. Das verknöcherte alte Betonkopfgerüst des DDR-Politbüros war ja auch unser Feind. Wir wollten dieses idiotische Regime nicht mehr und haben dafür gekämpft, dass es aufgelockert wird. Als die Mauer fiel, wussten wir mit unserer plötzlich erlangten Freiheit zunächst überhaupt nichts anzufangen. Dann begann aber eine irre spannende Zeit, in der wir versucht haben, uns beruflich, politisch und musikalisch in jeder Richtung zu verwirklichen.

STANDARD: Und dann kam die Wiedervereinigung.

Flake: Ab da ging ganz viel schief. Wir wurden als unnützes Land angegliedert, ganze Biografien für wertlos erklärt, Firmen geschlossen, damit sich die Westfirmen breitmachen konnten. Wir sind so sehr zurückgesetzt worden, dass sich ein Groll und eine Enttäuschung aufgebaut haben, die bis jetzt anhalten. Im Großen und Ganzen war die Wiedervereinigung in dieser Form eine Sauerei.

STANDARD: Wenn Sie heute auf Deutschlands Osten blicken, hat dort politisch zuletzt der Rechtspopulismus großen Erfolg gehabt. Ein Erbe der Wiedervereinigung?

Foto: Matthias Matthies

Flake: Viele Menschen sind enttäuscht, weil sich bestimmte Versprechungen nicht erfüllt haben. Das politisch Linke hatten sie aber schon in ihrem Leben, jetzt probieren sie es mit rechts. Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, wie man AfD wählen kann. Aber die, die es tun, machen es zum Großteil aus Protest gegen die etablierten Parteien. Dass die AfD die Erwartungen auch nicht erfüllen kann, ist klar. Wenn die AfD regieren würde, würden viele Leute sehr schnell merken, dass es nicht besser, sondern schlimmer wird.

STANDARD: Sie sind in der Ostberliner Punk-Szene aufgewachsen. Wodurch unterschieden sich Ost- und Westpunks?

Flake: Es gab einen grundlegenden Unterschied: Die Ostpunks brauchten kein Geld, denn das Leben war absurd billig, Miete um die 25 Mark. Mit einem Konzert kam man über einen Monat. Also konnte man die Musik machen, die man machen wollte, und nicht bloß die, die sich gut verkauft. Absurderweise waren wir dadurch auch sehr frei.

STANDARD: Unter Ihren damaligen Bandkollegen gab es auch IM-Stasi-Spitzel (IM: Inoffizieller Mitarbeiter, Anm.). Sind Sie nicht wütend auf den repressiven Überwachungsstaat DDR?

Flake: Auf IM-Spitzel in den Bands bin ich nicht wütend. Denn die haben durch ihren IM-Status oft erst ermöglicht, dass die Bands überhaupt existieren konnten. Die Stasi hat ja nicht ihre eigenen Leute eingesperrt. Bestes Beispiel dafür ist die DDR-Band Die Firma. Die wurde von IM-Spitzeln gegründet. Der Gag bestand darin, dass "Die Firma" eigentlich ein Synonym für "Stasi" war. Von der Stasi gedeckt, haben die dann staatsfeindliche Texte gesungen. Fast schon wieder genial.

STANDARD: Verstehen Sie es, wenn es heißt, die DDR war ein Unrechtsstaat, Stasi-Repression eine Art von Terror?

Flake: Ich kann es verstehen, wenn das Leute sagen, die das so erlebt und darunter gelitten haben. Aber ich persönlich kann nicht sagen, dass der ganze Staat schlecht war. Ich möchte nicht wissen, wie viele unschuldige Menschen im Westen eingesperrt und überwacht wurden bzw. werden. Die Pauschalisierung "Unrechtsstaat" finde ich nicht in Ordnung.

STANDARD: Wäre Rammstein in der DDR denkbar gewesen?

Flake: Innerhalb der DDR hätten wir eine Band wie Rammstein nicht gegründet, weil es die falsche Antwort auf dieses System gewesen wäre. Rammstein haben wir gegründet, weil wir gemerkt haben, dass wir im Westen mit unserer Punkmusik nicht weiterkommen. Da brauchte es Härteres.

STANDARD: Bandintern haben Sie sich eine Art Sozialismus bewahrt. Dennoch ist Rammstein ein Millionenunternehmen. Gab es Momente, wo Sie dachten: Das Geld könnte nicht nur unseren Charakter, sondern auch die Band zerstören?

Flake: Rammstein ist ein Betrieb, wo das Geld sehr fluktuiert. Wir haben sehr viele Mitarbeiter, kaufen Unmengen an Pyrotechnik ein, haben eine riesige Bühne, Kostüme, unser eigenes Stromnetz, drehen verdammt aufwendige Videos. Das Geld, das uns privat bleibt, kann uns eigentlich kaum schaden, weil es sich so im Rahmen hält. Wir müssen echt darauf achten, dass sich die Plus-minus-Rechnung ausgeht.

STANDARD: In Ihrem Buch "Heute hat die Welt Geburtstag" beschreiben Sie die 25 Jahre Rammstein wie eine lange Verpartnerung: Im Bett ist es ruhiger geworden, aber man versteht sich blind. Ist Scheidung überhaupt eine Option?

Flake: Scheidung ist definitiv kein Thema. Es ist wie bei einer ganz langen Ehe: Ãœber Scheidung denkt man gar nicht mehr nach.

Auf der Bühne ist der Teufel los. Flake und Schlagzeuger Christoph Schneider während einer Live-Show in Berlin
© Kai Horstmann

STANDARD: Inmitten der harten Bizepsmänner waren Sie immer die Figur, die alles bricht, vor allem im Zusammenspiel mit Sänger Til Lindemann, der Sie auf der Bühne mitunter röstet wie eine Küchenschabe. Das wirkt wie die traditionelle Komikerkonstellation Weißclown und dummer August, Laurel und Hardy mit SM-Komponente. Wie wichtig ist das für die Show?

Flake: Das hat sich bei uns mehr aus Versehen entwickelt. Wir haben nie ausgemacht: Du bist der Starke, ich bin der Schwache. Bei unseren ersten Konzerten haben wir immer sehr planlos herumgestanden, dann haben wir angefangen, uns gegenseitig zu schubsen und zu provozieren. Wenn ich mir eine normale Heavy-Metal-Band anschaue, langweile ich mich schnell. Bei uns ist immer was los.

STANDARD: Sehnen Sie sich bei Rammstein manchmal nach einem Rollenwechsel? Einmal der Starke sein?

Flake: Nee, ich hab andere Sorgen. Die paar Konzerte, da komme ich mit meiner Rolle gut zurecht.

STANDARD: Können Sie Auftritte überhaupt genießen oder kommt das erst hinterher? Immerhin ist eine Rammstein-Show Präzisionsarbeit.

Falke: Was heißt genießen? Ich genieße, wenn alles ineinanderläuft und alles funktioniert wie eine Maschine. Es gibt gute und schlechtere Konzerte, bei den guten heben wir ab wie ein Flugzeug.

STANDARD: Rammstein mischt schwarze Romantik mit schwarzem Humor. Sie selbst lieben den Blues, der auch oft in ähnlichem Fahrwasser schippert. Kann man aus Melancholie Freude schöpfen?

Flake: Der Blues ist das beste Beispiel dafür. Traurigkeit und Trost liegen nahe beisammen. Die gesamte Populärmusik entstand erstmal aus einem Problem des jeweiligen Autors. Das ist genau das, was man hören will, wenn es einem selbst nicht gut geht. In der Pubertät willst du normal auch nicht "Walking on Sunshine" hören.

STANDARD: Freude an Melancholie und Morbidität gibt es traditionell auch in Wien. Ist das der osteuropäische Einschlag?

Flake: Die slawische Musik ist schon sehr melancholisch, andererseits kommt die Gothic-Kultur aus dem Westen. Also ich würde das nicht wirklich örtlich festlegen.

STANDARD: Man sagt, Rammstein hätte für den Erhalt der deutschen Sprache mehr getan als alle Goethe-Institute zusammen. Sind Sie da stolz drauf?

Flake: Ja. Das Interessante ist aber, dass wir im Ausland besser angesehen sind als im eigenen Land. In Deutschland wird viel geschimpft: Wir seien stumpf, würden Deutschtümelei betreiben - völliger Unfug.

STANDARD: Rammstein wurde immer mit der Totalitarismus-Persiflage-Band Laibach verglichen. Die hat unlängst in Nordkorea gespielt, mit dem Ziel, subversiv zu wirken. Ist so was für Rammstein denkbar?

Flake: Wir müssten uns sehr gründlich überlegen, was wir da wollen und warum wir das wollen. Wenn man damit irgendjemandem helfen würde, okay -aber nur, um sagen zu können, "wir sind jetzt subversiv", das ist kein Argument.

STANDARD: Aus Klimaschutzgründen gibt es immer öfter Raketenverbot. Für Rammstein ein Thema?

Flake: Wir haben einmal ein Konzert in Chicago gespielt. Der lokale Brandschutz war so rigoros, dass wir nicht mal ein Streichholz hätten anzünden dürfen. Komplettes Pyro-Verbot. Wir sind auf die Bühne gegangen und haben gesagt: Entweder wir fahren wieder ab, weil wir hier kein Feuer machen dürfen, oder wir spielen ohne. Das Publikum wollte natürlich Letzteres. Und es wurde eine unserer besten Shows. Man muss ein bisschen abwägen: Soll man alle Sachen wie eine Rammstein-Show aus Klimagründen einstellen? Dass zu Silvester nicht mehr geknallt werden soll, verstehe ich aber total. Ich war einmal in Wien zum Jahreswechsel, und da hat es relativ wenig geknallt. Das fand ich gut. Berlin ist eine der schrecklichsten Städte zu Silvester. Das ist pure Aggression.

Christian "Flake" Lorenz (53) machte in der DDR eine Lehre als Werkzeugmacher; als Keyboarder von Rammstein gelang ihm eine Weltkarriere.


Quelle: Der Standard (Stefan Weiss, 26.1.2020)


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